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www.medien-monitor.com | 03. März 2012

«Wer Mikrozeitung machen will, braucht Mut»

Die Idee findet Journalismus-Forscher Günther Rager spannend, bezweifelt aber, dass sich das Konzept gegen deutsche Zeitungsverlage behaupten kann. Im Interview mit Medien Monitor erklärt der Journalistik-Professor, warum er das Lizenzmodell ablehnt und dass im Lokalen noch viel mehr steckt, als bisher publiziert wird.


Medien Monitor: Nur lokale Berichterstattung, Verbreitung primär übers Internet und mobile Medien, die Papierzeitung nur noch zweimal pro Woche – ist die Idee der Mikrozeitung der Anfang vom Ende der klassischen Zeitung?

Günther Rager: Ich sehe es nicht als Anfang vom Ende, aber durchaus als eine sehr sinnvolle Ergänzung zur klassischen Zeitung. Für manche Räume, die sehr dünn besiedelte, flache Gebiete haben, könnte solch ein Konzept vielleicht auch die Lösung für die Probleme sein, die Tageszeitungen haben, etwa die tägliche Logistik und deren Kosten.


Zeitungsforscher Günther Rager.

Zeitungsforscher Günther Rager.



Welche Vorteile hat eine Mikrozeitung im Vergleich zur normalen Zeitung?

Sie hat aus meiner Sicht vor allem dort einen Vorteil, wo es in sich geschlossene wirtschaftliche und kulturelle und soziale Räume gibt. Das Verbreitungsgebiet mancher Tageszeitung hängt vom Zufall ab oder von Entscheidungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Manche müssen heute unter ganz anderen Bedingungen arbeiten, weil Verwaltungsgrenzen nicht mehr mit ihrem Verbreitungsgebiet übereinstimmen. Im Gegensatz dazu hätte die Mikrozeitung den Vorteil, sich genau auf das Gebiet zu konzentrieren, in dem die Menschen ihr Alltagsleben organisieren. Das ist auch der Stoff, an dem die Menschen interessiert sind. Vor allem deshalb lesen sie Lokalzeitung.


Was kann eine Papierzeitung leisten, das eine Mikrozeitung nicht kann?

Zunächst mal hat die klassische Zeitung einen überregionalen Teil. Auf den verzichtet die Mikrozeitung per Definition. Weiterhin hat die klassische Zeitung hier in Deutschland einen Redaktionsapparat, den sich eine Mikrozeitung vermutlich nicht leisten wird. Das ist – nicht nur, aber auch – eine Frage der Qualität. Zum anderem: Noch gibt es Menschen, die doch lieber täglich eine Papierzeitung haben wollen als täglich Informationen online zu lesen. Inwieweit sich das ändern lässt, ist aus meiner Sicht ganz schwer voraussagen. Ich beobachte, dass ganz viele junge Leute jeden Text, der länger als 30 Zeilen ist, wieder ausdrucken. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich eine Frage der Gewohnheit ist. Auf der anderen Seite sehe ich immer mehr Leute, die ganze Bücher im Tablet-Format lesen.


Die wichtigste Bezugsgröße für die Mikrozeitung ist der so genannte Mikrokosmos. Lassen sich Ballungsgebiete wie das Ruhrgebiet sinnvoll in solche Mikrokosmen einteilen?

Das können Sie nur dann, wenn Sie die jeweiligen Mikrokosmen im Ruhrgebiet herausfiltern. Das wären sicher sehr viele. Ob das in der dicht besiedelten Gegend wie dem Ruhrgebiet eine vernünftige Lösung wäre, das wage ich anzuzweifeln - zumindest auf absehbare Zeit. Zumal dort ja viele lokale Tageszeitungen schon sehr tief in den einzelnen Raum hineingehen.


Die Mikrozeitung ist zu einem wesentlichen Teil auf Einnahmen aus dem Papier-Abo angewiesen. Aber ist der Abo-Markt in Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet nicht gesättigt?

Ja, das ist er. Aber es hängt auch ganz stark davon ab, wie gut platziert die lokale Zeitung ist, die das Gebiet beherrscht. Da gibt es sehr unterschiedliche Gebiete und ich könnte mir in NRW – wenn ich mal von den Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet weggehe – manche Gegenden vorstellen, in denen eine Mikrozeitung sehr erfolgreich operieren könnte.


Wer eine Mikrozeitung herausgeben möchte, muss für die anfallenden Lizenzen und jährlichen Gebühren recht tief in die Tasche greifen. Gibt der deutsche Zeitungsmarkt das her?

Bei den Beträgen – wir reden ja über Millionenbeträge – halte ich das jedenfalls im derzeitigen Verlauf für sehr fraglich. Aber warum sollte ein deutscher Lokalzeitungsverleger eine Lizenz von einem Schweizer Unternehmen erwerben? Damit er noch lokaler werden kann? Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Die Idee, mit der Herr Gossweiler wirbt, dass es die drei alt herkömmlichen Dinge sind, auf die jede Zeitung angewiesen ist, nämlich das Publikum, die Inhalte und den Werbemarkt, das haben die Verleger hier. Und dass Print und Online auf lokaler Ebene zusammenspielen, das können Sie hier zum Beispiel bei den Ruhr Nachrichten, bei DerWesten und vorzüglich auch in Köln sehen. Das Lizenzmodell kann ich hier nirgends sehen.


Das Konzept soll nicht nur Verleger ansprechen, sondern es auch branchenfremden Investoren ermöglichen, in den Zeitungsmarkt einzusteigen.

In dem Fall könnte das Modell einen Vorteil haben. Wenn ich Geld genug habe und mich mit dieser Rückendeckung aus der Schweiz in einen umkämpften deutschen Markt hineinbegebe. Das bedeutet, dass ich gegen die jeweiligen lokalen Verleger im deutschen Raum ankämpfen muss. Dazu gehört aber Mut – und Verleger, die das zulassen.


Herr Gossweiler sagt aber, die Mikrozeitung sei in dem Sinne keine Konkurrenz zur klassischen Tageszeitung, sondern eher ein Nischenprodukt.

Aber wie gross die Nische ist, bestimmt bei uns der lokale Verlag. Die meisten Verleger, die ich kenne, die würden schon beim ersten Versuch diese Nische ganz schnell eng machen. Denn man muss sehen: Die Mikrozeitung ist ein Angriff auf ihr Geschäftsmodell. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Verlage diese Nische selbst schließen. Wir haben im lokalen Anzeigengeschäft diesen Prozess schon einmal. Es gab eine ganze Zeit lang sehr viel mehr eigenständige, wöchentlich erscheinenden Anzeigenblätter als heute. Viele Tageszeitungen haben nun eigene, entweder zugekauft oder selbst gegründet, um die Nische, die ein anderer entdeckt hat, zu schließen.


Sehen Sie Chancen für den deutschen Markt?

Ich kann es mir vorstellen, aber nur dann, wenn die Verlage das selber machen. Da sehe ich die größere Wahrscheinlichkeit. Was mich an der Mikro-Idee fasziniert, ist der Umstand, dass Leserschichten erreicht werden können, die man mit der Tageszeitung nicht oder nicht mehr erreicht. Aber ob ich im deutschen Markt gegen einen Marktführer dieses Risiko auf mich nehmen möchte, dazu gehört Mut.



Urs Gossweiler hat angekündigt, das Konzept in städtischem Raum umzusetzen. In Zürich sollen zwölf Mikrozeitungen gegründet werden. Ist das ein Experiment, auf das die Branche ein Auge haben sollte?

Unbedingt. Ich nehme das alles sehr ernst, was in der Schweiz passiert. Das kann ein wichtiger Faktor sein. Ich glaube, das Konzept wird in Städten mit ganz gewachsenen Vierteln und wenig Diffusion eine größere Chance haben als in Städten mit vielen Zu- und Wegzügen.


Mikrozeitungsjournalismus ist hyperlokaler Journalismus. Ist dort in Deutschland eine Lücke, die von den Zeitungen nicht ausreichend gefüllt wird?

Bisher waren hyperlokale Angebote eine Kostenfrage. Durch die Digitalisierung ist die Verbreitung günstiger und leichter geworden. Ob wir allerdings auch soviel lokale wirtschaftliche Power haben, dass daraus ein erträgliches Geschäftsmodell wird, ist die Frage. Alle, die bisher in Deutschland hyperlokal gearbeitet haben, ob es in Berlin war oder in Stuttgart, leben ja nicht wirklich von ihren Einkünften aus Werbung und Vertrieb, sondern von ihrem Idealismus oder von Spenden oder Sponsoring.


Die Mikrozeitung widmet dem lokalen Geschehen so viel Platz wie die Herald Tribune der ganzen Welt. Klingt nach einer Stärkung des Lokaljournalismus…

Wir haben hier im Journalismus ein wichtiges Relevanz-Kriterium: Wie wichtig ist der einzelne Verkehrsunfall? Aber es hängt immer davon ab, wie intensiv man ein Gebiet bearbeitet. Ich kann mir natürlich Regionen vorstellen, wo man viel Platz in der Zeitung sinnvoll füllen kann, wenn tatsächlich das, was die öffentliche Diskussion ausmachen sollte, auch in der Zeitung stünde. Aber es gibt auch Gebiete, wo eben relativ wenig passiert. Wenn sich die Zivilgesellschaft so entwickelt, wie viele Leute hoffen und wünschen, dann hat sie auch notwendigerweise einen Bedarf an Diskussion untereinander und die könnte über so eine Mikrozeitung zum Beispiel laufen. Aber ob das wiederum das Geschäftsmodell von Herrn Gossweiler ist, ist eine ganz andere Frage. Bei dem Geschäftsmodell bin ich skeptisch. Dass wir im Lokaljournalismus noch sehr viel mehr aus der – wie man beim Fussball sagen würde – Tiefe des Raumes holen können, da bin ich mir sicher.


Kann man als Abo-Zeitung wirklich auf den Mantel verzichten?

Nach allen Befragungsergebnissen, die ich kenne oder die ich selbst erhoben habe, kann ich nur sagen: Die Mehrheit der deutschen Leser legt großen Wert darauf, dass ihre Tageszeitung nicht nur über lokale Inhalte verfügt, sondern durchaus einen vernünftigen regionalen und überregionalen Teil hat. Das ist ein recht einheitliches Urteil. In Deutschland sind die Medien, die nur lokal operieren, ganz schnell unter dem Verdacht des Provinziellen. Und das unterscheidet sie vielleicht durchaus von einer Zeitung wie der Jungfrau Zeitung im Berner Oberland, wo es tatsächlich diesen kleinen Mikrokosmos gibt, wo man die Weltnachrichten übers Fernsehen bezieht und wo man schon immer gewöhnt ist, dass die Zeitung anders gewichtet.


Würden Sie sich auf dem deutschen Zeitungsmarkt mehr publizistischen Wettbewerb im Lokalen wünschen?

Ja klar. Es gibt Gebiete, die ungefähr 100'000 Einwohner haben und nur eine sublokale Seite in der Zeitung. Da kann man mehr rausholen. Ich glaube auch, dass es ein Publikum gibt, das wissen möchte, was in seinem Stadtteil passiert.


Für Journalisten bei einer Mikrozeitung ändert sich der Job radikal: kaum noch Layout- oder Gestaltungsaufgaben, sondern Geschichten schreiben und von draußen Themen finden. Streng genommen müssten sie nicht mal in eine Redaktion kommen, sondern könnten über den Laptop ihre Berichte schreiben. Ändert sich durch die Mikrozeitung das Berufsbild auf lange Sicht?

Das unterscheidet sich aber nicht von gut geführten Tageszeitungen. Die Zeitungen, die ein Desk-Modell haben, haben Editor und Reporter schon längst getrennt. Natürlich sollen die Reporter Geschichten finden und vor Ort sein. Gute Redaktionssysteme lassen es zu, dass ich mit dem Laptop unterwegs bin und sofort den Bericht ins Blatt schreiben kann. Die Mikrozeitung ändert die Arbeitsweise nicht generell. Der Unterschied liegt allenfalls darin, ob tatsächlich das Wirtschaftsmodell so funktioniert, dass man die Journalisten ordentlich bezahlen kann.


Wer bei einer Mikrozeitung arbeitet, tut das multimedial: Text, Foto, Audio und auch Video. Dabei gilt «web first». Sind das Arbeitsbedingungen, die gerade jungen, netzaffinen Journalisten zu Gute kommen?

Ja, ich glaube, das würden viele gerne machen. Manche arbeiten schon so ähnlich. Es gibt in Deutschland noch eine starke Trennung zwischen denen, die bewegtes Bild produzieren und denen, die zwar Bild und Text produzieren, aber eben nicht nur noch Text. Viele würden gerne auch Bewegtbilder machen. Generell ist diese Arbeitsweise schon ein zukunftsweisender Weg für die Journalisten, wobei wir in Deutschland noch damit argumentieren, dass die Bildqualität nicht gut genug sei. Aber das ist meiner Meinung nach eine Frage der Ausbildung.

Zur Person

Prof. Dr. Günther Rager, Jahrgang 1943, lehrte von 1984 bis 2010 im Journalistik-Studiengang der Technischen Universität Dortmund mit den Schwerpunkten Printmedien-Rezeption, Wahrnehmung und Vermittlung und Journalismustheorie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Rezeption von Hörfunk und Printmedien, den Produktionsbedingungen im Journalismus und dem Lokaljournalismus. Günther Rager wurde in Kempten/St. Mang geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und empirische Kulturwissenschaft in München und Tübingen. An letzterer Universität promovierte er in empirischer Kulturwissenschaft. Rager ist Ehrenprofessor der Journalistischen Fakultät der Lomonossov-Universität Moskau.


Interview: Gregor Hofmeyer. Fotos: TU Dortmund/Institut für Journalistik; Rainer Sturm/pixelio.de


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